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22.02.2012
 
 
Emma stirbt

Es ist der 05.04.2005, 22:03 griechische Ortszeit. In unserem OP-Raum kämpfen seit einer Minute Samira, Nora und Wolfgang um das Leben von Emma. Vorhin klingelte das Telefon - aufgeregte Menschen riefen an und baten um dringende Hilfe - Emma ging es sehr schlecht. Samira setzte sich sofort ins Auto - holte Emma zu uns auf die Station und fing leise an zu beten . . . sie sah sofort - Emma hat Gift gefressen.
Text von Hubert Tiess
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Ich selbst, liebe Emma, habe dir nur kurz in die Augen geschaut und ich wusste gleich, du liegst im Todeskampf. Samira mit unseren Helfern holen alles raus, was es nun zu tun gilt. Sofort wirst du an den Tropf gelegt, man setzt sofort alle Massnahmen, die dich retten sollen. Alles läuft parallel, mit sicheren Griffen, damit das Gift dir nicht die Gedärme und deinen oft so hungrigen Magen verätzt.
Sechs Jahre lang warst du unsere Emma. Wir glaubten dich an deinem angestammten Platz in Sicherheit. Dort, an dem Platz, an dem du 6 Jahre lang gelebt hast. Du wurdest von uns regelmässig geimpft, entfloht, entzeckt - und immer konnten wir sehen, dass es auch Einheimische gibt, die sich um so liebe Wesen, wie du es bist, kümmern.
Aber so ist es nun mal mit dem Glauben- die Realität verleugnet ihn. Du windest dich, die Schmerzen sind unerträglich, aber du bist noch nicht für´s Sterben bereit.
Ich versuche dir vom Schreibtisch aus zu helfen, aber es geht nicht. Dein Anblick der Jahre saust durch meinen Kopf, die Tränen schreibe ich gerade nieder. Du kämpfst immer noch.
Ich frage Wolfgang, der gerade aus dem OP kommt, er sagt auch unter Tränen: 'Es sieht nicht gut aus'.
Meine Finger hacken auf die Tastatur. Emma, du bringst mich zur Verzweiflung. Die lieblichen Bilder deiner, meiner, unserer 6 jährigen gemeinsamen Geschichte prallen an deine eben gesehenen Augen- Emma stirbt.
Was hast du kleines, dummes Mädchen denn schon wieder angestellt? Warst du womöglich als Hund, ein 'Nicht Mensch' ein unbeseeltes Wesen - und irgend jemand wollte dir absichtlich weh tun? Wozu aber? Warst du für andere 'Nicht Menschen' , die aber einen griechischen Reisepass besitzen, ein großes Ärgernis? Welches denn nur?
Ich sitze und warte bangend schon wieder auf diese unglaublich traurigen Worte, die ich schon so oft gehört habe - diese Worte aus dem OP: 'Es ist vorbei'. Wenn Samira trotz aller Künste, die kein anderer Mensch hätte besser machen können, das Leben nicht mehr retten kann.
Noch höre ich diese Worte nicht, aber ich warte und warte. Bang ist es in meinem Herzen, es klopft wie wild - unzählige Tiere, die wir haben retten können, sausen durch meinen Kopf, unzählige Tiere, wo jede Rettung zu spät kam, ebenso. Ich fühle mich erdrückt und plötzlich sehr einsam und völlig ohnmächtig. Ich weine. Die Trauer all der Jahre scheint sich heute wie ein Vulkan zu öffnen, am liebsten würde ich mit dir mit schreien . . .
Liebe Emma - wie viele Menschen hast du glücklich gemacht? Artig bist du von Tisch zu Tisch gewandert, hast den Menschen in die Augen geschaut und keiner konnte deinem lieben Wesen, deinen kajalumringten Augen widerstehen. Du warst bei allen Menschen beliebt - ganz besonders natürlich im Sommer, wo du dich in die Herzen von vielen Touristen geschmeichelt hast - wurdest auch immer brav mit kleinen Leckerlies belohnt.
Die Last des ständig gebären müssen nahmen wir dir vor 6 Jahren . Von da ab konntest du leben, bis . . ? Ja was hast du dummes Mädchen denn schon wieder angestellt?!
Hast du etwa ein Auto verfolgt, oder, hast du womöglich gebellt? Nein Emma, das darf man hier nicht ungestraft bei Bestien machen- sie zahlen es dir tückisch und feige heim. Diese Bestien haben immer Gift in den Taschen und sie wollen es los werden. Du hast ihnen eine Möglichkeit gegeben, mein liebes, kleines, dummes Hundemädchen!
Es nützt nichts Emma, du und ich müssen hier und jetzt die Wahrheit in die Welt hinaus brüllen:
'Deine Heimat Griechenland ist eine tödliche Überpopulation von Bestien. Es gibt zuviele einfach 'gestrickte' Fleischberge, denen man ein menschliches Empfinden nie beibringen kann / konnte / wollte'. Hier hat die Erziehung völlig versagt. Dafür lieben sich diese 'Menschen', fühlen sich berechtigt, Schmerz und Leid und Tod zu geben. Deine Schmerzen gibt ihnen ihren feigen, erbärmlichen Stolz.
Verzeihe uns Menschen. Weist du, liebe Emma, heute sind 8 kleine Leidensgenossen von dir in eine Zukunft geflogen, mit der Hoffnung auf ein anständiges Leben. Die kleine Stina wird in München operiert. Ich werde sie kurzfristig in Emma umtaufen. Man wird den mehrfachen Knochenbruch hin bekommen und dann wird diese kleine 'Zweikiloemma' dein Leben fortsetzen.
Ich weiß, es ist ein magerer Trost, aber mehr habe ich dir nicht anzubieten.
Verzeihe die Grausamkeit mancher Menschen, wenn Du kannst. Aber glaube mir, täglich quälen sich die Menschen untereinander, sie foltern und töten sich, sie lassen Teile ihrer Nachkommenschaft einfach verhungern. Wir nennen uns Menschen und wir bastelten uns einmal einen Verhaltenskodex, der uns bescheinigt, dass wir lieb, intelligent und etwas ganz Besonderes sind. So begann die Flucht in die Lüge.
Was hast du kleines, dummes Hundemädchen denn schon wieder angestellt? Warst du etwa vorhanden, einfach so? Hattest du etwa keinen Nutzwert deutlich nach außen hin versprochen?
Dein Magen wird zur Sickergrube der menschlichen Gefühle - unbegründeter Hass beißt sich in deine Magenwände. Wir können dir jetzt nicht weiter helfen, wir müssen abwarten, was die Medikamente in deinem geschundenen Körper bewirken können. Wir hoffen. Denn es gibt immer eine Hoffnung. Ich hoffe jetzt ganz stark. Du musst mir helfen; ich glaubte dich doch in Sicherheit; Du hast mich doch nahezu täglich in der Herzgegend erwärmt. Du hast jetzt nicht das Recht zum Sterben! Wir können dich nicht auch noch verlieren. Das vergangene Jahr hat uns schon genügend Herzblut gekostet.
Ich weine, meine Ohnmacht und meine Wut stimmen in dein Winseln ein.
Samira weint nicht - sie weis in solchen Momenten immer genau, was es zu tun gilt. Sie ist völlig klar und gibt alles, um dein kleines Leben zu retten. Ich bewundere meine kleine tapfere Frau - sie steht dir mit allem bei - und ich leide mit jeder Faser meiner Seele mit dir mit.
Ja - auch Hasenkind fällt mir wieder ein. Hasenkind, eine scheue 'Strandhündin' wurde vor ca. 5 Jahren Mutter - Hasenkind war scheu, wie ein Reh - nur noch viel, viel scheuer. Sie lebte unter einem dicken Brombeergestrüpp - hatte, so vermuten wir, noch nie Menschen gesehen. Samira brauchte fast ein Jahr, um sich ihr etwas näher zu können. Hasenkind und das Töchterlein haben wir kastriert, täglich gefüttert - und trotzdem, das Töchterlein wurde am Strand tot aufgefunden - und unser geliebtes Hasenkind wurde von schmutzigen Teufeln in Armeeklamotten aus purer Mordlust einfach durchsiebt. Solche Spezies nennen sich weltweit Jäger.
Ja Emma, unser Hasenkind hat 5 Jahre lang im Schilf, weit weg von der Brutalität unserer Art gelebt. Wie groß war die tägliche Freude für unsere Kleine. Sie fing über die Jahre an, uns zu lieben. Wir förderten diese Liebe und ohne es zu wissen, schickten wir sie dadurch in den Tod, weil sie auch zu Menschen, die nichts Gutes ihr wollten, Vertrauen entgegen gebracht hat. Hasenkind, du konntest es nicht besser wissen. Sie knallten dich einfach ab. Deine zarte Liebe zu unserer Art war gleichzeitig der Anfang vom Ende deines irdischen Daseins. Leb wohl Hasenkind und verzeihe uns - wir sind nicht wirklich schlecht.
Hallo Barbi, Jorgo und Bruno. Auch euch konnten wir nur einige Jahre schützen. Bald wird die Emma im vielleicht erfundenen, aber von mir schon gewaltig erwünschten, Hundehimmel stranden. Wischt ihr bitte zärtlich die Tränen der Schmerzen aus dem Gesicht und sagt ihr, dass wir nicht wirklich böse sind. Wir haben alles versucht, wirklich alles.
Emma lebt noch.
Wie oft müssen wir selbst wegen euch lieblichen Wesen noch leiden? Ich wünsche mir für euch einen richtig feinen Hundehimmel. Dort solltet Ihr das euch angetane Leid vergessen und helft uns bitte im täglichen Kampf für die Erfüllung der so schön formulierten, menschlichen Ideale.
Ich streichle meine süße Lotte. So scheu wie anfänglich unser Hasenkind war sie. Heute hat Lottchen ein kleines irdisches Paradies gefunden. Sie liegt im Körbchen neben dem Schreibtisch und schaut mich aus ihren herrlichen kohlefarbenen Augen an. Dich durften wir auch einmal retten, Lotte. Welch ein Trost bist du in diesen bangen Minuten.
Emma liegt jetzt nicht allein im OP. Ein noch junger Rüde, wir haben ihn Tilo getauft, kämpft auch seit fünf Tagen mit dem Gift. Und Tarzan, ein kleiner Unfallhund, dem wahrscheinlich das Bein amputiert werden muss - vielleicht kann er euch etwas aufheitern. Etwas Lebensmut geben. Er teilt zwar eure Unterkunft, wird aber sein von der Natur gegebenes Leben ausleben können und, wenn nicht anders möglich, auch auf drei Beinen.
Zwischen euch allen wird diese Nacht, wie schon die Nächte zuvor, Samira über euch wachen und für das so unnötig zugefügte Leid ihre Liebe euch über den Tropf verabreichen. Versucht zu überleben.

Wir danken dem Schicksal für unsere Aufgabe. Wir dürfen uns für euch einbringen. Nehmt es bitte an.
Es ist jetzt der 05.04.2005 23:20. Emma atmet ruhig, das Fieber ist auf Normaltemperatur gefallen, die Krämpfe sind weg.
Ich freue mich über meine falsche Einschätzung. Es gibt halt immer eine Hoffnung!
Emma lebt!
Nach zwei Wochen gaben wir Emma an die Taverne zurück, wo sie seit sechs Jahren lebt - die Besitzerin war ausser sich vor Freude und Tränen der Erleichterung rannten ihr aus den Augen - Emma hatte sich prächtig erholt - keine Schäden im organischen Bereich - Samira hat wunderbare Arbeit geleistet. Auch Emma genoss sichtlich die Streicheleinheiten ihrer Besitzerin.
Und dann - und dann - und dann -
Heute, der 23.04.2005, ist Emma dem zweiten Giftanschlag erlegen. Es war also nicht so zufällig gefressenes Gift, welches hier ja bald an jeder Ecke rumliegt - nein - es war also eine gezielte Aktion gegen dich. Mach's gut, liebe Emma. Du wirst den Tilo treffen, die Barbie, den Bruno und den Jorgo - und unzählige andere Tiere, die einem gleichen Schicksal erlegen sind. Grausamkeiten, die es nicht nur in Griechenland gibt, ich weis, ich weis - Bulgarien, Rumänien, Spanien - und - und - und - scheinbar gibt es wenige friedliche Plätze auf diesem kleinen Planeten, wo man euch nicht grausam nach dem kleinen, bisschen Leben trachtet. Gemeinsam solltet ihr das Grausame, was man euch angetan hat, versuchen, zu vergessen.

Text: Hubert Tiess-Abou-Hamdan


   
 
 
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